Gastbeitrag Lehrkonzepte

Interdisziplinarität in der Lehre

29. September 2022
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Interdisziplinarität ist ein Trendthema unserer Zeit. Klimawandel, Migration, Covid-19 – Gesellschaft und Wissenschaft sind gleichermaßen auf der Suche nach Antworten auf drängende Fragen, die nur über die disziplinären Grenzen hinweg gefunden werden können.

Interdisziplinäres Lernen beschreibt einen Prozess, in dem „Lernende Informationen, Daten, Methoden, Werkzeuge, Perspektiven, Konzepte und/oder Theorien von zwei oder mehr Disziplinen integrieren, um Produkte zu erstellen, Phänomene zu erklären oder Probleme zu lösen; in einer Art, die mit einer einzelnen Disziplin nicht möglich wäre.“ (Boix Mansilla, 2010, S. 289; eigene Übersetzung).

Einige Beispiele:

  • Wie können wir den Klimawandel stoppen? Eine Psychologin, ein Ökonom und eine Geographin überlegen gemeinsame Strategien.
  • Wie kann man die Artenvielfalt retten? Eine Biologin, ein Erziehungswissenschaftler und ein Politologe denken sich eine gemeinsame Kampagne aus.
  • Wie können wir Geflüchtete besser integrieren? Ein Soziologe, eine Erziehungswissenschaftlerin und eine Theologin setzen ein Pilotprojekt in einer Unterkunft gemeinsam um.

Im Integrationsprozess nutzen Studierende ihr Wissen aus den jeweiligen Einzelwissenschaften. Dabei kann es um zentrale Gegenstände, Annahmen oder wissenschaftliche Befunde ihrer Disziplin gehen. Genauso können aber auch disziplinäre Kenntnisse in wissenschaftlichen Methoden und Herangehensweisen sowie die Handhabung von bestimmten Instrumenten oder Verfahren genutzt werden. Wichtig ist, dass diese unterschiedlichen Perspektiven zu einem Mehrwert integriert werden. Dieser Mehrwert kann in ein „anfassbares“ Produkt wie eine Erfindung oder praktische Lösung münden. Genauso ist aber auch eine innovative Erkenntnis theoretischer Art denkbar. Entscheidend ist die gemeinsame Herangehensweise. Das Ergebnis wäre ohne die jeweils anderen nicht entstanden. Es braucht ein gemeinsames Ziel und einen gemeinsamen Weg, um zu einem gemeinsamen Ergebnis zu gelangen.

Warum ist interdisziplinäres Lernen in der Hochschullehre wichtig?

Studierende sind die Entscheidungsträger:innen von morgen. Heutzutage haben wir als Lehrende drei wesentliche Aufgaben in der Hochschullehre: 1) Im „akademischen Modus“ haben wir den Auftrag, Studierenden Wissen und Theorien zu vermitteln. 2) Dann lehren wir im „Employability Modus“ mit dem Ziel, Studierende beschäftigungsfähig zu machen. Wir unterstützen sie darin, wesentliche Schlüsselkompetenzen wie Kommunikations- und Kooperationskompetenzen entwickeln und erfolgreich und innovativ im Team arbeiten zu können. 3) Zusätzlich ist es im „Modus der Verantwortung“ das Ziel der Hochschullehre, Studierende in der Entwicklung einer kritischen Gewissenhaftigkeit in Bezug auf die Nachhaltigkeitsziele und die Entwicklung einer persönlichen Verantwortungsübernahme zu unterstützen.

Ganzheitlicher Blick auf akademisches Wissen

Interdisziplinäres Lernen betrifft alle drei Aufgabenbereiche. In Bezug auf den „akademischen Modus“ ermöglicht interdisziplinäres Lernen einen ganzheitlichen Blick auf akademisches Wissen und wissenschaftliche Theorien. Interdisziplinäre Forschung und somit auch interdisziplinäre Veröffentlichungen haben stark zugenommen. Interdisziplinäres Lernen ermöglicht Studierenden, einen Einblick in diese interdisziplinäre Forschung zu erhalten. Ganz im Sinne der humboldtschen „Einheit von Forschung und Lehre“ ist interdisziplinäres Lehren und Lernen damit am wissenschaftlichen Puls der Zeit. In der interdisziplinären Hochschullehre können Studierende erproben, was es bedeutet, in einem interdisziplinären Team interdisziplinären wissenschaftlichen Fragestellungen nachzugehen, wie Forschungsmethoden aus den Einzelwissenschaften interdisziplinär kombiniert werden können und wie man über die Integration disziplinärer Zugänge zu neuen, interdisziplinären Erkenntnissen gelangt.

Mit Sichtweisen anderer Fachdisziplinen in Kontakt treten

Durch die zunehmenden Anforderungen in Form von komplexen Aufgaben und Projekten herrscht auf dem Arbeitsmarkt eine hohe Nachfrage nach interdisziplinärer Kompetenz. Im „Employability Modus“ können wir durch interdisziplinäres Lernen Studierenden ermöglichen, mit Vertreter:innen anderer Fachdisziplinen in Kontakt zu treten, mit ihnen zusammenzuarbeiten und komplexe Aufgabenstellungen zu bewältigen. Die Studierenden lernen ihre Fachsprache derart anzupassen, dass Studierende anderer Fachdisziplinen sie verstehen. Das unterstützt die Entwicklung von Kommunikationskompetenzen. Ermöglicht man Studierenden, in einem interdisziplinären Team zu arbeiten, lernen Studierende, gemeinsame Ziele zu setzen, gemeinsame Fragestellungen zu formulieren und eine gemeinsame Arbeitsweise zu entwickeln. Sie erleben sich selbst als kompetente(n) Vertreter oder Vertreterin der eigenen Fachdisziplin und steigern ihre Kooperationskompetenzen. Außerdem fördert interdisziplinäres Lernen die Nutzung des interdisziplinären Innovationspotenzials und bereitet Studierende darauf vor, individuell oder in einem interdisziplinären Team innovative Ideen zu entwickeln und umzusetzen.

Komplexe Probleme lösen

In Bezug auf den „Modus der Verantwortung“ kann interdisziplinäres Lernen Studierenden dazu verhelfen, komplexe Probleme aus dem Themenfeld der Nachhaltigkeit interdisziplinär zu betrachten, zu bearbeiten und zu lösen. Unsere heutige Gesellschaft steht vor großen Herausforderungen: Klimawandel, Verschmutzung der Weltmeere, Migration, Unterernährung, Armut, Korruption, Geschlechterungleichheiten, menschenunwürdige Arbeit und diverse globale Konflikte. Diese Probleme sind zu komplex, um von einer wissenschaftlichen Disziplin allein gelöst zu werden, und machen eine interdisziplinäre Herangehensweise notwendig. Ermöglicht man Studierenden, im interdisziplinären Team an gesellschaftlich relevanten Themen zu arbeiten, können sie den praktischen und gesellschaftlichen Mehrwert ihres Studiums hautnah erfahren.

Wie kann man interdisziplinäres Lernen gestalten?

Damit Studierende im Lernen ihre interdisziplinären Kompetenzen weiterentwickeln, braucht es den Einsatz von unterschiedlichen Lehr-Lern-Methoden. Einmal geht es darum, dass Studierende ein Verständnis von den anderen Fachdisziplinen erlangen. Dazu braucht es Lehr-Lern-Methoden, die das „Kennenlernen und Verstehen“ der jeweils anderen Studierenden unterstützen. Dann geht es um das Zusammenführen und Integrieren der unterschiedlichen Perspektiven. Dafür braucht es Methoden, die ein „Zusammenarbeiten“ der Studierenden über die Fächergrenzen hinweg ermöglichen. Außerdem geht es darum, dass Studierende das eigene Denken sowie eigene Fachgrenzen hinterfragen, andere Disziplinen wertschätzen und interdisziplinäre Lern- und Arbeitsprozesse bedenken lernen. Dazu braucht es Methoden, die Studierende zum „Reflektieren“ anregen. Für alle drei Bereiche werden nun Beispiele vorgestellt.

Kennenlernen und Verstehen

Um das „Kennenlernen und Verstehen“ der Studierenden untereinander zu unterstützen, eignet sich beispielsweise die Lehr-Lern-Methode „Lieblingstheorien“. Um Missverständnissen aufgrund der unterschiedlichen Fachsprachen aktiv vorzubeugen, erlernen die Studierenden mithilfe dieser Lehr-Lern-Methode einen sensiblen Umgang mit ihrer eigenen Fachsprache. In einem ersten Schritt erklärt die Lehrende oder der Lehrende die Kommunikationsmethoden „Aktiv Zuhören“ und „Verständlich Erklären“. Aktives Zuhören erfordert, dass man dem Gegenüber die volle Aufmerksamkeit schenkt, Gesagtes nur vorsichtig interpretiert und es nicht ergänzt. Man versucht, die andere Person wirklich zu verstehen. Für das „Verständliche Erklären“ können Lehrende auf diese Tipps verweisen: Interesse wecken, kurz und prägnant sprechen, einfache Wörter benutzen, Visualisierungen erstellen, anregend und mit Beispielen sprechen. Im Anschluss wenden die Studierenden das Gelernte an und bilden interdisziplinäre Zweiergruppen. In diesen Zweiergruppen erzählen sich die Studierenden gegenseitig eine Lieblingstheorie (Lieblingsstudie, Lieblingserkenntnis etc.) der eigenen Disziplin und geben sich Feedback zum Verständnis.

Zusammenarbeiten

Um das interdisziplinäre „Zusammenarbeiten“ der Studierenden zu fördern, kann beispielsweise die Lehr-Lern-Methode „Interdisziplinäres Ideenroulette“ zum Einsatz kommen. In der Methode wird das interdisziplinäre Innovationspotenzial der Studierenden durch musikalische Begleitung im Kreativitätsprozess genutzt. Im Raum sind Pinnwände aufgestellt. Auf den Pinnwänden hat die Lehrende oder der Lehrende interdisziplinäre Fragestellungen notiert. Die Fragestellungen sollten offen formuliert sein, damit alle beteiligten Disziplinen gleichermaßen angesprochen werden. Im besten Fall haben die Fragestellungen eine praktische und gesellschaftliche Relevanz. Die Studierenden finden sich in interdisziplinären Kleingruppen vor den Pinnwänden ein.  Anschließend macht die Lehrende oder der Lehrende die Musik an. Solange der Song läuft (ca. 3 Minuten), können die Kleingruppen ihre Ideen diskutieren und schriftlich auf den Pinnwänden festhalten. Wird die Musik gestoppt, wechseln die Kleingruppen im Uhrzeigersinn ihre Pinnwand. Ein neuer Song beginnt und die Studierenden diskutieren die neue Frage auf der neuen Pinnwand und halten ihre Ideen schriftlich fest usw. Durch den Wechsel der Kleingruppen entsteht ein interdisziplinärer Dialog auf Papier. Stehen die Kleingruppen wieder vor ihrer ursprünglichen Pinnwand, können sie die Kommentare und Ideen der anderen Studierenden lesen und erfahren, was zu ihren ursprünglichen Ideen geschrieben wurde. Nun können die wesentlichen Inhalte markiert und ggf. im Plenum mit allen Studierenden diskutiert werden.

Reflektieren

Um den interdisziplinären Lern- und Arbeitsprozess zu „reflektieren“, bietet sich beispielsweise die Lehr-Lern-Methode „Interdisziplinäre Hashtags“ an. Diese Methode erlaubt eine schnelle Abfrage der individuellen Lernreflexion, indem Studierende ihre persönliche Lernerfahrung mit drei Hashtags im Plenum mündlich ausdrücken. Hashtags haben den Vorteil, dass ihre Wortanzahl sehr gering ist. Meist bestehen sie nur aus einem Wort oder einer kurzen Wortkette von 3-5 Worten. Die Studierenden sind in der Formulierung ihrer eigenen Hashtags dazu gezwungen, ihre Erfahrungen auf das Wesentliche zu reduzieren und ihre Gedanken auf den Punkt zu bringen. Dabei können die unterschiedlichen Hashtags drei unterschiedliche Reflexionsdimensionen vorgeben: die eigene Disziplin, die andere Disziplin und die Metaperspektive. Die Studierenden formulieren als ersten Hashtag, was sie in Bezug auf ihre eigene Disziplin gelernt haben. Das zweite Hashtag betrifft die jeweils andere Disziplin. Mit diesem Hashtag beschreiben die Studierenden, was sie von der anderen Disziplin gelernt haben. Das letzte Hashtag betrifft das interdisziplinäre Lernen und das interdisziplinäre Zusammenarbeiten aus der Meta-Perspektive. Hier formulieren die Studierenden, was sie über „Interdisziplinarität“ gelernt haben. Man erhält mit Hilfe dieser Methode sehr schnell einen Überblick über das interdisziplinäre Lernen der Studierenden.

Unabhängig davon, welche Lehr-Lern-Methoden man wählt, ermöglicht Interdisziplinarität ein lebenslanges Lernen. Jede neue Begegnung mit einer Vertreterin oder einem Vertreter einer anderen Fachdisziplin ermöglicht uns eine neue Perspektive. Dies gilt gleichermaßen für Studierende wie Lehrende an der Hochschule.


Literatur

Boix Mansilla, V. (2010). Learning to synthesize. The development of interdisciplinary understanding. In R. Frodeman, J. T. Klein, C. Mitcham & J. B. Holbtook (Ed.), Oxford handbook of interdisciplinarity (288–306). Oxford, UK: Oxford University Press.

Im Original erschienen unter Braßler, M. (2020). Interdisziplinäres Lehren und Lernen – 50 Methoden für die Hochschullehre. Weinheim: Beltz Juventa. (kostenloser Download)


Vorschlag zur Zitation des Blogbeitrags: Braßler, M (2022, 29. September ). Interdisziplinarität in der Lehre. Lehrblick – ZHW Uni Regensburg. https://doi.org//10.5283/ZHW.20220929.DE

Unsere Autoren stellen sich vor:

Braßler-portrait
Mirjam Braßler

Ganz im Sinne ihres Forschungsthemas hat Mirjam Braßler einen interdisziplinären Studienhintergrund. Sie schloss zuerst ein Bachelorstudium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg ab, um im Anschluss an der Ruprecht-Karls Universität Heidelberg den Bachelor Psychologie und an der Maastricht University den Master Psychologie zu studieren. Ihr Studium der Erziehungswissenschaften sowie ihre Promotion zum Thema „Interdisziplinäres Lernen“ schloss sie dann wieder an der Universität Hamburg ab. Seit 2014 forscht sie zum Phänomen der Interdisziplinarität im Arbeitsbereich der Arbeits- und Organisationspsychologie in der Fakultät für Psychologie und Bewegungswissenschaft an der Universität Hamburg. Sie berät und trainiert interdisziplinäre Teams in Lehre, Forschung und Praxis.

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