Wer an eine klassische Lehrveranstaltung denkt, hat vielleicht das folgende Bild vor Augen: Eine Dozentin oder ein Dozent steht hinter dem Pult, erklärt zunächst monologisierend wissenschaftliche Theorien und stellt dann eine offene Frage an das Plenum. Nach einer langen Pause blättern einige Studierende in ihren Unterlagen, die anderen vermeiden Blickkontakt. Schließlich wird eine vorsichtige Antwort gemurmelt. Die Lehrperson korrigiert die Aussage freundlich, fährt mit weiteren Erklärungen fort und die Gruppe atmet erleichtert auf. Hinter der Dynamik steckt ein Phänomen, das in der Forschung als Mangel an psychologischer Sicherheit beschrieben wird. Ohne diese Sicherheit sinkt der Lernerfolg nachweislich.
Der wirksamste Hebel, um genau daran etwas zu ändern, ist die Art und Weise der Moderation, also wie die Seminarleitung Lehr-Lernprozesse begleitet und methodisch-strukturell steuert.
Wissenserwerb ermöglichen: Facilitation als Lehrpraxis
John Hattie, einer der bekanntesten Bildungsforscher der Gegenwart, konnte in seinen Meta-Analysen zeigen, dass die Lehrkräfte nach wie vor eine zentrale Rolle im Lernprozess spielen – jedoch nicht, wie im Anfangsbeispiel beschrieben, als reine Informationsvermittler:innen (Hattie, 2008). Vielmehr geht es darum, das Lernen der Studierenden sichtbar zu machen, um es im nächsten Schritt gezielt fördern zu können. Anstatt selbst die Hauptdarsteller:innen zu sein, übernehmen die Lehrpersonen die Rolle der Ermöglicher:innen.
Genau hier setzt Facilitation an: In der Hochschullehre wird der Begriff oft synonym für „lockeres, passives Moderieren“ verwendet. Die Annahme ist jedoch missverständlich, denn weder ziehen sich Lehrende aus dem Prozess zurück, noch wird die Gruppe sich selbst überlassen. Facilitation, wie Carl Rogers (1969) sie ursprünglich konzipierte und wie sie seitdem weiterentwickelt wurde, ist eine komplexe, aktive Lehrpraxis. Sie zielt darauf ab, das Wissen von Gruppen zu aktivieren und nutzbar zu machen. Die Teilnehmenden lernen durch Perspektivwechsel andere Positionen kennen, erleben ein produktives Miteinander und werden motiviert, sich an der Umsetzung von Maßnahmen zu beteiligen. Dieses Vorgehen erfordert seitens der Leitung Aufmerksamkeit, Empathie und strategisches Denken.
Für Lehrende an Hochschulen bedeutet das konkret: Raum und gleichzeitig Struktur geben, weniger sich, sondern die Teilnehmenden ins Zentrum rücken, konstruktives Feedback geben statt bewerten, Aufmerksamkeit lenken und damit Lernprozesse sichtbar machen. Diese Balance ist das Handwerkszeug, um psychologische Sicherheit zu schaffen und somit nachhaltiges Lernen zu gewährleisten.

Psychologische Sicherheit ist nicht gleichbedeutend mit Harmonie
Die Facilitator-Rolle beschreibt, was Lehrende tun können. Psychologische Sicherheit hingegen definiert, unter welchen Bedingungen jene Techniken überhaupt zum Tragen kommen. Der Begriff geht auf die Harvard-Professorin Amy Edmondson und ihre Forschungsergebnisse zu Arbeitsgruppen in Krankenhaus-Teams Ende der 1990er Jahre zurück. Edmondson (1999) definierte psychologische Sicherheit als die geteilte Überzeugung einer Gruppe, dass bei Fehlern keine negativen Konsequenzen drohen. In einem psychologisch sicheren (Seminar-)Raum können Studierende eigene Ideen äußern, Fragen stellen, Fehler benennen und konfliktträchtige Meinungen vertreten – ohne Angst vor Bloßstellung haben zu müssen. Dabei ist psychologische Sicherheit nicht als Synonym für Konfliktfreiheit und Einvernehmlichkeit zu verstehen; vielmehr ermöglicht sie erst einen produktiven Konflikt, da Menschen sich trauen, ehrlich zu sein (Edmondson, 2018).
Psychologische Sicherheit ist demnach kein Merkmal einzelner Studierender. Sie entwickelt sich auf Gruppenebene und wird maßgeblich durch das Moderationsverhalten der Lehrperson beeinflusst. Soares und Lopes (2020) zeigten in einer Studie im universitären Kontext, dass authentisches Führungsverhalten der Lehrenden eine sichere Lernumgebung schaffen und sich in der Folge positiv auf die akademische Leistung auswirken kann. Wie eine Seminarleitung also moderiert, wie sie auf Beiträge eingeht und welche Interventionen sie setzt, prägt das Klima der Gruppe und hat Einfluss auf einen nachhaltigen Lernzuwachs.
Praktische Facilitation-Techniken für Ihre Lehrveranstaltung
Timothy R. Clark (2020) entwickelte das Konzept der psychologischen Sicherheit weiter und definierte als Reflexionsrahmen vier Stufen:
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- Zugehörigkeitssicherheit (Inclusion Safety): Menschen fühlen sich als Teil der Gruppe willkommen,
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- Lernsicherheit (Learner Safety): Fehler werden als Lernchancen betrachtet,
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- Beitragssicherheit (Contributor Safety): eigene Ideen werden ernst genommen und
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- Herausforderungssicherheit (Challenger Safety): Dinge dürfen infrage gestellt werden.
Diese vier Ebenen lassen sich direkt auf konkrete Moderationshandlungen übersetzen, die Sie in Ihrer nächsten Lehrveranstaltung ausprobieren können:
Redebeiträge nicht bewerten, sondern wertschätzend aufnehmen: Wenn Studierende das Gefühl haben, dass ihre Ideen ignoriert werden, werden sie sich langfristig nicht mehr einbringen. Kommentare wie „Genau, wunderbar!“ oder „Das stimmt so nicht ganz.“ unterstreichen das Wissensmonopol der Lehrperson. Verschieben Sie den autoritären Fokus stattdessen zurück auf das Kollektiv und erzeugen Sie auf diese Weise Beitragssicherheit: „Das ist ein spannender Ansatz – wie würde das in Verbindung mit X aussehen?“ oder „Wie sehen Sie das? Gibt es andere Perspektiven dazu?“. Selbst bei einer falschen oder unvollständigen Antwort müssen Sie nicht sofort korrigierend eingreifen. Die weiterführende Frage „Ausgehend von Ihrer Aussage: Wie könnte man weiterdenken?“ gibt dem Fehler einen produktiven (Lern-)Raum, ohne ihn zurückzustellen.
Wartezeit als bewusstes Werkzeug nutzen: Forschungen zur Wait Time (Häusler et al., 2025) legen nahe, dass bereits eine Pause von etwa fünf Sekunden nach einer Frage zu qualitativ besseren Antworten führt. Setzen Sie die Moderationstechnik bewusst ein, um kognitive Verarbeitung zu ermöglichen und Ihren Studierenden den nötigen Raum zu geben.
Eine positive Fehlerkultur etablieren: Dies wird zwar oft gefordert, jedoch selten umgesetzt. Sprechen Sie Fehler proaktiv an und normalisieren Sie sie. Machen Sie dies beispielsweise mit folgender Aussage explizit: „In unserem Seminar sind falsche Antworten nicht nur erlaubt, sondern oft ein interessanter Ausgangspunkt für neue Ideen.“ Transparenz schafft Akzeptanz und im weiteren Verlauf Lernsicherheit.
Kleine, risikoarme Beteiligungsformate wählen: Um die Angst vor Bloßstellung zu minimieren, können Sie strukturierende Sozialformen nutzen, wie beispielsweise Abstimmungen, Buzz-Groups, Brainwriting oder das Think-Pair-Share-Konzept (s. Abbildung 1). Letzteres baut vor allem stilleren Studierenden eine Brücke. Wer sich niederschwellig beteiligt, spricht später auch in der Gruppe. Bei diesem Punkt können Sie gerne auch Ihre Studierenden in die Gestaltung der Moderation einbeziehen: „Wie möchten Sie Ihr Feedback erhalten – offen vor der Gruppe oder vertraulich?




Zugehörigkeit fördern: Neben den zuvor beschriebenen Moderationsmethoden bietet insbesondere der Veranstaltungsbeginn im Semester die Chance, Beziehungen zu gestalten. Die Studierenden sollten das Gefühl haben, willkommen zu sein. Vielleicht ist Zeit für eine kurze persönliche Vorstellungsrunde verbunden mit der Einstiegsfrage „Was ist Ihr Bezug zu unserem Thema?“.
Einen wertschätzenden Umgang leben: Konsequentes Ausreden-Lassen, kein Sarkasmus, aktives Zuhören und die korrekte Aussprache von Namen erscheinen basal. Zu einem respektvollen Umgang gehören aber auch transparente Leistungsanforderungen und das Offenlegen der eigenen Moderationsabsicht im Seminar: „Ich unterstütze Sie in den Diskussionen und gebe notwendige Impulse. Dennoch möchte ich vor allem Ihre Diskussionen in den Mittelpunkt stellen und selbst nicht viel reden.“ Auf diese Weise adressieren Sie die bestehende Machtasymmetrie und laden die Studierenden gleichzeitig ein, sich kritisch mit dem Thema und dem Seminar auseinanderzusetzen.
Trauen auch Sie sich, Fehler zu machen!
Wer Facilitation in seiner Lehre praktiziert, wird feststellen, dass sich die Dynamik verschiebt. Die Vorbereitung auf eine Lehrveranstaltung umfasst nicht nur die Inhalte, sondern auch zahlreiche strukturell-methodische Fragen. Die eigene Rolle innerhalb der Sitzung definiert sich neu, was auch die Beziehung zu den Studierenden beeinflusst. Natürlich lässt sich der Prozess auch nicht überall gleich gut integrieren. In sehr großen Gruppen, mit festgelegten Inhalten und einem straffen Zeitplan stößt man an seine Grenzen. Die innere Haltung der psychologischen Sicherheit hilft jedoch auch in großformatigen Veranstaltungen, wie beispielsweise Vorlesungen, Lernerfolge zu fördern, etwa durch höhere Empathie oder Transparenz. Der Wechsel von Autorität zum Ermöglichen beginnt mit kleinen, bewussten Entscheidungen. Edmondson (2018) betont hierbei, auch eigene Fehler anzuerkennen. Vielleicht sagen Sie ja das nächste Mal: „Das ist eine Frage, auf die ich selbst keine Antwort weiß. Lassen Sie uns das gemeinsam durchdenken und recherchieren.“
Welche Techniken von Facilitation nutzen Sie in Ihren Veranstaltungen? Welche Aspekte sind Ihnen bei der Umsetzung von psychologischer Sicherheit wichtig? Teilen Sie gerne Ihre Erfahrungen über LinkedIn.
Literatur
Clark, T. R. (2020). The 4 Stages of Psychological Safety. Defining the path to inclusion and innovation. Berret-Koehler.
Edmondson, A. C. (1999). Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383. http://www.jstor.org/stable/2666999
Edmondson, A. C. (2018). The fearless Organization: Creating psychological safety in the workplace for learning, innovation, and growth. Wiley.
Hattie, J. (2008). Visible learning: A synthesis of over 800 meta-analyses relating to achievement. Routledge.
Häusler, J., Gartmeier, M., Grünewald, M. G., Hapfelmeier, A., Pfurtscheller, T., Seidel, T., & Berberat, P. O. (2024). Too much time or not enough? An observational study of teacher wait time after questions in case-based seminars. BMC medical education, 24(1), 690. https://doi.org/10.1186/s12909-024-05667-w
Rogers, C. R. (1969). Freedom to learn: A view of what education might become. Charles E. Merrill.
Soares, A. E. & Lopes, M. P. (2020). Are your students safe to learn? The role of lecturer’s authentic leadership in the creation of psychologically safe environments and their impact on academic performance. Active Learning in Higher Education, 21(1), 65–78. https://doi.org/10.1177/1469787417742023
Vorschlag zur Zitation
Franke-Nanic, A. (2026, 12. März). Kluge Fragen statt kluger Antworten. Mit Facilitation-Techniken psychologische Sicherheit fördern. Lehrblick – ZHW Uni Regensburg. https://doi.org/10.5283/ZHW.20260312.DE

Alexandra Franke-Nanic
Alexandra Franke-Nanic ist am Zentrum für Sprache und Kommunikation an der Universität Regensburg tätig und für den Master Speech Communication and Rhetoric verantwortlich. Sie beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Themenfeldern Mediation, Coaching und Teamdynamiken. Zudem interessiert sie sich für die Gestaltung innovativer digitaler Lernumgebungen.
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