Raus ins Grüne: Lehre im Freien

Mehrere bunte Klappstühle und Tische auf grünem Rasen im Freien

Draußen scheint die Sonne von einem blauen Himmel und das Thermometer zeigt angenehme Temperaturen. Und Sie stehen im Seminarraum und versuchen, eine Diskussion unter Ihren Studierenden anzustoßen. Doch deren Aufmerksamkeit und Motivation sind gering, denn im Raum ist es heiß und stickig. Da kommt Ihnen ein Gedanke: Warum sitzen wir eigentlich noch hier drin?

Viele Lehrende haben diesen Moment schon erlebt, ohne ihn weiter zu hinterfragen. Denn Lehre findet „nun mal“ in Räumen statt. Doch was wäre, wenn wir diese Selbstverständlichkeit aufbrechen und die Lehre nach draußen verlagern würden: Gruppenarbeiten, Fishbowl-Diskussionen oder Reflexionsphasen im Freien. Hochschullehre im Freien als einem weiteren Ort, der neue Gestaltungsspielräume eröffnet.

Gemeint sind mit Lehre im Freien also nicht die Exkursion ins Gelände, das naturwissenschaftliche Experiment im Freiland oder das Survivaltraining in der Wildnis, sondern etwas viel Simpleres: Das Lehren und Lernen unter freiem Himmel (Parker, 2022).

Lehre im Freien bietet einen Mehrwert für alle Beteiligten.

Lehre im Freien kann als bewusste Antwort auf Ermüdungserscheinungen stark digitalisierter (Hochschul-)Lehre genutzt werden (Walter, 2013). Darüber hinaus bietet sie diverse weitere Vorteile für Studierende (Hernandez, 2024; Parker, 2022; Fleischmann, 2025). Der Aufenthalt im Freien wirkt sich positiv auf die physische und mentale Gesundheit aus. Das Immun- und das Herz-Kreislauf-System sowie der Muskel-Skelett-Apparat werden gestärkt, Bewegung wird ermöglicht. Stress und geistige Ermüdung werden reduziert, die Motivation wird gesteigert. Studierende berichten von einem signifikant höheren Erleben positiver Emotionen (Mateo-Canedo et al., 2023). 

Auch kognitive Entwicklung, Gedächtnis und akademische Leistung profitieren. Outdoor-Lernen fördert Kreativität, Problemlösungskompetenz und kritisches Denken und verbessert die Konzentrationsfähigkeit. Bei Schüler:innen konnte zudem nachgewiesen werden, dass das Erlernte durch die Verknüpfung mit dem physischen Erlebnis und Sinneseindrücken besser im Gedächtnis bleibt (Parker, 2022). In der Studie von Mateo-Canedo et al. (2023) bewerteten Studierende den subjektiven Lernzuwachs bei der Lehre im Freien als ebenso hoch oder leicht höher als drinnen.

Das Aufbrechen traditioneller Sitzordnungen – in der Regel sitzen die Studierenden in Seminarräumen in Tischreihen – baut Barrieren ab, was Kooperation und Interaktion fördert und zu einer stärkeren Partizipation der Studierenden führt. Zugleich schafft die Umgebung ein Gefühl der Gleichberechtigung und Nähe zur Lehrperson.

Auch wenn die Forschungslage zu dem Mehrwert für Lehrende deutlich geringer ist, so gibt es dennoch Studien, die neben den positiven Effekten, die für die Lehrenden genauso wie die Studierenden gelten,  z. B. auf die physische und mentale Gesundheit, eine erhöhte Arbeitszufriedenheit berichten (Parker, 2022; dort referenzierte Studien beziehen sich auf Lehrkräfte an Schulen).

Und die gute Nachricht: Es braucht keine großartige Sonderausstattung, um die Lehre nach draußen zu verlegen.

Lehre im Freien gelingt mit einfachen Mitteln.

An einigen Hochschulen gibt es inzwischen Outdoor-Lern- und Arbeitsbereiche, ausgestattet z. B. mit wetterfesten (Steh-)tischen, Sitzgelegenheiten, Whiteboard und WLAN. Das im deutschsprachigen Raum wohl umfassendste Angebot bietet die KU Eichstätt mit dem “Outdoor Campus” ihren Lehrenden: Es gibt diverse didaktisch gestaltete Lern- und Lehrorte im Freien, ergänzt durch ausführliche Empfehlungen zur Nutzung und speziellen Fortbildungsangeboten für Lehrende. Auch an anderen Hochschulen, u.a. der Bergischen Universität Wuppertal sowie der PH Heidelberg sind speziell ausgestattete Outdoor-Seminarräume vorhanden. Solche Lern- und Arbeitsräume sind natürlich optimal – mit sehr geringem Aufwand lassen sich hier Lehrveranstaltungen ganz einfach nach außen verlegen.

Outdoor Lehr- und Lernraum, BU Wuppertal
Outdoor Lehr- und Lernraum © Bergische Universität Wuppertal, UniSport

Aber auch ohne diese speziell ausgestatteten Bereiche ist der Aufwand überschaubar, um eine Sitzung im Freien abzuhalten: Oftmals verfügen Hochschulen über Flächen mit fest installierten Sitzgelegenheiten – auch an ruhigen, wenig frequentierten Orten. Diese lassen sich dann sehr gut nutzen. So hat z. B. die TU München ein ausführliches Booklet zusammengestellt, das verschiedene, geeignete Orte auflistet. 

Im einfachsten Fall genügt eine Wiese, auf der Picknickdecken ausgelegt werden. Für einzelne Sitzungen im Freien ist das absolut ausreichend. Für Lehrende, die regelmäßig ihre Lehre ins Freie verlegen möchten, bietet sich ein mobiler “Seminarraum-to-go”, verpackt in einem kleinen Anhänger oder Bollerwagen an, in dem u .a. ein mobiles Flipchart, Mini-Whiteboards inkl. Stiften und Putzläppchen, Sitzmatten, Sonnenschirm und Sonnencreme Platz finden.

"Seminarraum-to-go"-Trailer

Lehre im Freien ermöglicht eine große methodische Vielfalt.

Es können die komplette Lehrveranstaltungssitzung oder auch nur ausgewählte Teile im Freien abgehalten werden, indem z.B. der erste Teil in Form einer Einzelarbeit im Seminarraum stattfindet, der zweite Teil dann als Walk-and-Talk in Partnerarbeit im Freien. Grundsätzlich eignet sich Lehre im Freien für eine Vielzahl von Methoden, die weit über das bloße Verlegen einer Vorlesung nach draußen hinausgehen (Böttger et al., 2024; Fleischmann, 2025):

  • diskursive und kooperative Szenarien, u. a. Diskussionsspaziergänge, Think-Pair-Share und Gruppenpuzzle. Freiflächen sind für diese Methoden aufgrund ihres größeren Platzangebots und der Möglichkeit schneller Ortswechsel optimal geeignet. Zudem kann die Lautstärke des Austauschs durch größere Abstände zwischen den Gruppen im Freien besser reguliert werden. 
  • Reflexionsphasen und individuelle Vertiefung, wie z. B. Quiet Reading, Schreibzeit und Reflexionsspaziergang. Gibt es in erreichbarer Nähe ruhige Plätze im Freien, so bietet es sich an, diese für konzentrierte Arbeitsphasen zu nutzen.
  • explorative und praktische Szenarien ( z. B. Stationenlernen oder Schnitzeljagd): Aufgaben müssen an festen Punkten in der Umgebung gelöst bzw. Informationen gesucht werden. Dabei ist die Bewegung zwischen den Stationen integriertes Element.
  • Präsentation und Rollenspiel: Diese Szenarien erfordern in der Regel speziell gestaltete Orte. So eignen sich für Vorlesungen oder Referate vor allem Räume, die eine Bühne und amphitheatralische Sitzkonstruktionen bieten.

Lehre im Freien hat Hürden.

Nicht nur das Wetter kann einen Strich durch die Rechnung machen. Lehrende haben mit diversen Herausforderungen zu tun, wenn sie ihre Lehre ins Freie verlegen (Fleischmann, 2025). Nicht jeder Lehrinhalt ist geeignet, zur Vermittlung mancher Themen ist eine spezielle Ausstattung erforderlich, wie z. B. für  naturwissenschaftliche Experimente. Auch für die Besprechung sensibler Inhalte sowie für Prüfungen sind Outdoor-Räume in der Regel nicht geeignet. Neben diesen inhaltlichen Grenzen gibt es vor allem organisatorische Limits: Neben schlechtem Wetter bzw. ungeeigneter Jahreszeit sind das u.a. fehlende geeignete Flächen, mangelnde Barrierefreiheit, die eingeschränkte technische Infrastruktur und Ergonomie sowie die Limitierung der Gruppengröße aufgrund ungünstiger akustischer Gegebenheiten. Je nach individueller Situation kann sich auch ein erhöhter Aufwand für die Lehrenden und Studierenden ergeben, indem z. B. Materialien nach draußen transportiert und dort aufgebaut werden müssen.

Für einige dieser Hürden gibt es gute Lösungen, z. B. lässt sich den Unsicherheiten auf Seiten der Lehrenden durch entsprechende Fortbildungen begegnen. Und die eingeschränkte technische Infrastruktur muss kein Hindernis darstellen, sondern kann durch die Reduktion auf das Wesentliche die Aufmerksamkeit steigern und positive Emotionen mobilisieren (Mateo-Canedo et al., 2023).

Der Sommer steht vor der Tür.

Lehre im Freien fristet aktuell zu Unrecht ein Nischendasein, betrachtet man den Mehrwert für alle Beteiligten und den im Verhältnis doch recht geringen Mehraufwand. Deshalb unser Vorschlag: Probieren Sie Lehre im Freien einfach mal aus, z. B. mit einem Diskussionsspaziergang.

Literatur

Böttger, H., Höppner, B., Hoffmann, T., Reichel, A., Stadler-Heer, S., & Steinbach, A. (2024). Englisch draußen lernen: Raus aus den Klassenzimmern und Seminarräumen (Schriftenreihe Fachdidaktik Englisch, Bd. 2). Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt. https://doi.org/10.17904/ku.edoc.33956 

Fleischmann, A. (2025). Der grüne Seminarraum – Lehren und Lernen im Freien. In B. Berendt, A. Fleischmann, N. Schaper, B. Szczyrba, & J. Wildt (Hrsg.), Neues Handbuch Hochschullehre (Beitrag B 1.8). Franz Steiner Verlag. https://doi.org/10.25162/NHHL-2025-0007

Hernandez, H. H. (2024). Let’s take this outside: Rethinking outdoor education. Journal of Education and Learning, 13(5), 172–178. https://doi.org/10.5539/jel.v13n5p172

Mateo-Canedo, C., Crespo-Puig, N., Cladellas, R., Méndez-Ulrich, J. L., & Sanz, A. (2023). MOTEMO-OUTDOOR: Ensuring learning and health security during the COVID-19 pandemic through outdoor and online environments in higher education. Learning Environments Research, 26(3), 823–841. https://doi.org/10.1007/s10984-023-09456-y

Parker, L. (2022). Outdoor learning, a pathway to transformational learning? Or another educational gimmick? International Journal for Cross-Disciplinary Subjects in Education, 13(1), 4600–4611. https://doi.org/10.20533/ijcdse.2042.6364.2022.0565

Walter, P. (2013). Greening the net generation: Outdoor adult learning in the digital age. Adult Learning, 24(4), 151–158. https://doi.org/10.1177/1045159513499551

Vorschlag zur Zitation

Bachmaier, R. (2026, 14. Mai). Raus ins Grüne: Lehre im Freien. Lehrblick – ZHW Uni Regensburg. https://doi.org/10.5283/ZHW.20260514.DE

Regine Bachmaier
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Dr. Regine Bachmaier ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsdidaktik der Universität Regensburg. Sie unterstützt die Lehrenden im Bereich "Digitale Lehre", u.a. durch Workshops sowie individuelle Beratung. Daneben versucht sie, den Überblick über Aktuelles aus dem Bereich "Digitale Lehre" zu behalten und weiterzugeben.